Fairness suchen auch bei harten Fällen: Lieferprekariat im Philosophieunterricht der Q1

Unser Wirtschaftsethik-Unterricht bleibt am Puls der Zeit – zuletzt im Juni mit einer unterhaltsamen, aber auch inhaltsreichen Talkshow in einem abschließenden Workshop, der in Zusammenarbeit mit unserem Kooperationspartner, den Stadtwerken Bonn, stattfand.

1907 SWB ArtikelZunächst haben sich die Schülerinnen und Schüler der Philosophie in der Q1 mit den Grundfragen der Wirtschaft in einer ethischen Perspektive beschäftigt – unter der Leitung von Herrn Pizzo und mit der Begleitung von Autoren wie u.A. Aristoteles, Adam Smith, Hans Jonas, John Rawls and Michael Sandel.

Das brennende Thema war dann eine Entwicklung der Recherche von letztem Jahr, und zwar die ethischen Aspekte des Online Business. 2018 galt unsere Aufmerksamkeit dessen Folgen für das Aussehen unserer Städte, dem Schicksal von Verkaufs- und Ladenpersonal und der Frage nach der Finanzierung der für die Bürgerinnen und Bürger so wichtigen kommunalen Angebote aufgrund des Wegfalls der Gewerbesteuern.

Dieses Jahr haben die Kursteilnehmer*innen eine neue, oft schaurige Welt hinter der smarten Fassade unseres bequemen Bestellsystems per Klick von zu Hause entdeckt: Die tatsächlichen Arbeitsbedingungen der Paketlieferanten, oft engagiert von Sub-sub-subunternehmern der großen Lieferfirmen, die wir auf dem Monitor unserer Bestellungen sehen. Gerade ein paar Euro bleibt einigen von ihnen in der Tasche nach einem langen, stressigen Arbeitstag.
Auch in diesem Fall eine Frage der Fairness (gegenüber Menschen, die deswegen so schlecht bezahlt werden, weil der Kunde alles immer schneller und preiswerter verlangt) und der Nachhaltigkeit (Erhalt von einem gewissen Lebensniveau und von würdigen Arbeitsplätzen).

Ein Job also für den Ethiker, besser gesagt für den Wirtschaftsethiker!

Im Rollenspiel haben Schülerinnen und Schüler eine richtige Talkshow mitgestaltet, nach dem Muster von „Hart aber fair“. Frank Plasberg hat seine Rolle ausnahmsweise an Herrn Mirko Heid (von der Konzern- und Organisationsentwicklung der SWB) weitergegeben, der den berühmten TV-Moderator auf keinen Fall vermissen ließ.
Eine Paketlieferantin eines Subsubunternehmers, die ihr Leid klagte, eine Gewerkschaftlerin, die in diesem neuen Arbeitsdschungel verzweifelt ihre Rolle suchte, eine Online-Kundin, die ihre Ahnungslosigkeit glaubwürdig spielte, ein Unternehmensvertreter, der den Spagat zwischen Überleben des Unternehmens und fairen Löhnen managen musste, ein sehr harter neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler und ein Wirtschaftsethiker saßen hinter den langen Tischen von „Hart aber fair“ und artikulierten ihre unterschiedlichen Positionen.
Das Publikum war nicht sparsam mit passenden Nachfragen und interessanten Provokationen. Das Streitgespräch war stets lebendig und gewann immer mehr an Tiefe. Mehrere Perspektiven konnten auf diese Weise durchleuchtet und bewertet werden.

Das Spiel hat gezeigt, wie komplex und folgenreich eine vermeintlich so einfache und bequeme Bestellung per Internet sein kann, welche widersprüchlichen Interessen miteinander im Konflikt stehen und wie groß die Verantwortung von uns Kunden ist.

Eine neue Generation, die sich diese Fragen stellt, wird wahrscheinlich verantwortlicher mit den neuen Entscheidungen in der Wirtschaft umgehen.
Genau das ist ein wichtiges Ziel der Philosophie – auch, sehr bewusst, am Tannenbusch-Gymnasium.

Dr. Giovanni Pizzo